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Unsere Armut kotzt mich an 19. Mai 2008

Posted by kauda in Gesellschaft, d.
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Am heutigen Montag wird der Bundesminister für Arbeit und Soziales den “Armuts- und Reichtumsbericht” der Bundesregierung vorstellen. Schon am Sonntag durften wir einiges aus dem noch unveröffentlichten Papier erfahren - dank ministerialer Geschwätzigkeit gegenüber der allseits geschätzten Bild am Sonntag. Jeder achte in Deutschland lebe in Armut, steht da in großen schwarzen Lettern auf bild.de, der Herr Minister gibt sich bedrückt, aber er wäre kein Spitzenpolitiker, hätte er nicht auch gleich eine Lösung parat:

Wir haben zu niedrige Löhne in Deutschland und wir brauchen Mindestlöhne. (O. Scholz)

Was ist Armut? Die Experten tun sich schwer. Sie beschreiben Armut als den “Mangel an etwas Wesentlichem”. Und dazu gehört eben gerade nicht nur Geld im Sinne einer “Einkommensarmut”, sondern auch Grundrechte und Grundfreiheiten, hygienische Mindeststandards, Zugang zu Bildungseinrichtungen und medizinischer Versorgung, Schutz vor Kriminalität und politische Gestaltungsmöglichkeiten. Haben wir unter diesem Aspekt wirklich eklatanten Mangel in Deutschland? Oder werden da ein paar Zeilen des Berichtes von den Sozialpolitikern aus der Gießkannenfraktion instrumentalisiert, um mit “Mehr Geld für alle außer die blöden Reichen” den Wahlkampf einzuläuten?

Zu den Fakten: Die Bild-Überschrift ist schlicht falsch, weil die genannten 13 % der Deutschen nicht in “Armut” leben, sondern in der “Armutsrisikozone”. Das ist nicht ganz identisch mit der früheren sowjetischen Besatzungszone und wie man da reinkommt, hat sich die Europäische Union ausgedacht: Lieber Europäer, du giltst immer dann als armutsgefährdet, wenn du weniger als 60% des Medianeinkommens deines Heimatlandes verdienst - in Deutschland sind das weniger als 781 Euro. Man ist dann also noch nicht arm, sondern könnte es eventuell unter Umständen vielleicht irgendwie ein bisschen werden. (Das Medianeinkommen sagt aus, dass die Hälfte der Einkommensbezieher mehr und die andere Hälfte weniger als diesen Betrag verdienen - in Deutschland sind das derzeit gut 1.300 Euro). Praktisch alle armutsgefährdeten Singlehaushalte sind übrigens in Wirklichkeit Studenten-WGs. Studenten gelten nämlich statistisch als Verdiener und ihre Zimmer in einer WG als Einpersonenhaushalt.

Doch, es gibt tatsächlich Menschen in Deutschland, denen es nicht gut geht. Die wirklich Mangel leiden. Das steht außer Zweifel. Und die Bundesregierung tut gut daran, die Hauptgründe für soziale Missstände aufzuspüren und per Gesetz zu beheben. Dazu müsste man z.B. verbieten, dass Menschen ihre Arbeit verlieren, junge Damen unverheiratet erst schwanger und dann verlassen werden oder unbescholtenen Bürgern Krankheiten und Verletzungen widerfahren, die sie berufsunfähig oder zumindest schwer vermittelbar machen. Das würde die Zahl der Gefährdeten extrem reduzieren. Aber ob Vater Staat da was drehen kann?

Vielleicht brauchen wir aber auch eine andere Brille? Mit 781 Euro im Monat gilt man in Deutschland als armutsgefährdet? In Tschechien oder Polen - das sind die Länder, die von uns aus gaaaaanz weit drüben Richtung Asien liegen, hat man damit weit mehr als der Durchschnittsverdiener (461 bzw. 380 Euro). Die Hälfte der Menschen auf dieser Erdkugel hat am Tag keine zwei US-Dollar zur Verfügung. Wer ein Bankkonto besitzt und ein Portemonnaie, in dem echtes Geld steckt, der ist reicher als ZWEIUNDNEUNZIG Prozent der Weltbevölkerung. Und jeden Tag sterben 30.000 Kinder weltweit an Hunger, das sind 1.250 Kinder pro Stunde, über zwanzig in der Minute. Alle drei Sekunden ein Kind.

Und wieder eins.

Und jetzt gerade - wieder eins.

Kommentare»

1. Frank - 19. Mai 2008

Ich erlebe jeden Tag auf der Arbeit, dass Armut in Deutschland kein Luxusproblem ist. Und zwar nicht nur Einkommensarmut, sondern vor allem (die meist damit verbundene) Bildungsarmut. Dass dir dies im vergleich zu verhungernden Kindern marginal erscheint, verstehe ich. Besser wird es dadurch für meine bfz-Kids aber nicht.
Letztlich geht es nicht darum, in Deutschland noch reicher zu werden, sondern den Reichtum gerecht zu verteilen. In Deutschland. Und Global. Dazu ist ein Mindestlohn nicht der schlechteste Anfang.